Gameguru Projekt – Minfeld (Zwischensequenz)

Bild und Video: Rose Madder
Musik: “A Beautiful Memory“ © Dag Reinbott /
https://www.terrasound.de/lizenzfreie…

Der Zahn der Zeit

Auf dem Erdball pulsiert das Leben wie in einem Hexenkessel, und eines Tages werden auch wir selber modelliert – aus dem selben zerbrechlichen Material wie unsere Vorfahren. Uns durchweht der Wind der Zeit, er trägt uns und ist wir – und dann lässt er uns einfach wieder fallen. Wir werden herbeigezaubert und wieder weggejuxt. Immer gärt etwas in der Erwartung, unseren Platz einzunehmen. Denn wir haben keinen festen Boden unter den Füßen. Wir haben nicht einmal Sand unter den Füßen. Wir sind Sand. Vor der Zeit können wir uns nirgendwo verstecken. Die Zeit sieht uns überall, denn alles um uns herum ist in dieses rastlose Element getaucht. Die Zeit geht nicht und sie tickt nicht. Wir gehen und unsere Uhren ticken. Die Zeit frisst sich so still und unerbitterlich, wie die Sonne im Osten auf- und im Westen untergeht, durch die Geschichte. Sie vernichtet Zivilisationen, zernagt alte Denkmäler und verschlingt ein Menschengeschlecht nach dem anderen. Deshalb reden wir vom Zahn der Zeit. Denn die Zeit kaut und kaut – und wir stecken zwischen ihren Zähnen. Für eine kurze Frist sind wir Teil eines wunderbaren Gewimmels. Wir springen über die Erde, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Du hast gesehen, wie die Leute oben auf der Akropolis wie Ameisen herumwuseln! Aber das alles wird verschwinden. Es wird verschwinden und durch neues Gewimmel ersetzt werden. Denn immer stehen neue Menschen bereit. Immer tauchen neue Ideen auf. Kein Thema wird wiederholt, keine Komposition zweimal geschrieben… Nichts ist so kompliziert und so kostbar wie ein Mensch. Aber man behandelt uns wie billigen Tand! Wir trippeln wie Figuren aus einem spannenden Märchen über die Erde. Wir nicken uns zu und lächeln uns an. Als wollten wir sagen: „Hallo – wir leben zusammen! Wir befinden uns in der selben Wirklichkeit – oder im selben Märchen… Wir leben auf einem Planeten im Universum. Aber bald werden wir vom Brett gefegt werden. Hokuspokus – schon sind wir verschwunden.“ Jetzt können wir nur nicken und lächeln und Tausenden von Zeitgenossen guten Tag sagen: He Du! Phantastisch, dass wir gleichzeitig leben! Vielleicht stupse ich irgendwann irgendwen an. Und ich öffne eine Tür und rufe hinein: „He Seele!“ Wir leben, hörst Du? Aber wir leben jetzt. Wir breiten die Arme aus und sagen, wir existieren. Aber wir werden beiseite gewischt und in die Finsternis der Geschichte gestopft. Denn wir sind Einweggeschöpfe. Wir sind Teil einer ewigen Maskerade, bei der die Masken kommen und gehen.
„Hier“, sagte er auf den Kopf zeigend. „Hier gibt es etwas das nicht weggespült wird.“ Der Gedanke schwimmt nicht. Es gibt auch etwas das nicht verrinnt, die Welt der Ideen. Denn nicht die Sandburg ist das wichtigste im Sandkasten des Kindes. Das wichtigste ist das Bild einer Sandburg, die das Kind im Sinn hatte, ehe es mit dem Bauen anfing. Ist es Dir nie passiert, dass Du etwas zeichnen oder basteln wolltest, das Du einfach nie richtig hinbekommen hast? Du versuchst es immer wieder, doch es klappt nie. Und das liegt daran, dass dein inneres Bild immer vollkommener ist als die Kopien, die Du mit den Händen zu formen versuchst. So ist es mit allem, was wir rund um uns herum sehen. Wir tragen die Vorstellung in uns, dass alles, was wir sehen, besser sein könnte, als es ist. Weil wir Bilder in uns aus der Welt der Ideen mitgebracht haben. Denn dort sind wir eigentlich zu Hause, verstehst Du, und nicht hier unten im Sandkasten, wo die Zeit nach allem schnappt, was wir lieben.

Joker

Aus Jostein Gaarders „Das Kartengeheimnis“